Der Agentic AI Hub hat funktioniert. Beim „Digitalen Kaufhaus" wäre ich vorsichtig.
Die Pilotbilanz des Bundes überzeugt — doch die geplante Skalierung über ein zentrales Beschaffungs-„Kaufhaus" droht genau das zu standardisieren, was die Piloten getragen hat: die Nähe zur eigenen Arbeit.
Am 15. Juni 2026 hat das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung die Pilotphase seines „Agentic AI Hub" für abgeschlossen erklärt und eine ungewöhnlich gute Bilanz vorgelegt. Ich glaube ihr in den Grundzügen — und halte trotzdem den angekündigten nächsten Schritt, ein „Digitales Kaufhaus" für KI-Produkte, für den zweifelhaftesten Teil der ganzen Ankündigung.
Zur Sache: In zwölf Wochen wurden 20 Pilotprojekte in 19 Kommunen mit neun Start-ups getestet, ausgewählt aus fast 600 Einreichungen. KI-Agenten — also Systeme, die Verwaltungsaufgaben weitgehend selbstständig abarbeiten — haben dabei messbar entlastet. Bei komplexen DSGVO-Auskunftsanträgen sank die Durchlaufzeit laut Ministerium um mehr als 90 Prozent, bis zu 28 Arbeitsstunden pro Vorgang. Sieben Kommunen modellierten in zwölf Wochen knapp 600 Verwaltungsprozesse, Flensburg allein 264. Die Vorprüfung eines Pflegeantrags kostete rund einen Euro an Rechenleistung. Das sind keine Prospektversprechen, das sind Zahlen an konkreter Arbeit — und für die Verhältnisse deutscher Verwaltungsdigitalisierung ist das bemerkenswert.
Warum ich die Zahlen glaube, aber nicht überschätze
Zwei Dinge gehören trotzdem dazugesagt. Erstens stammen die Zahlen vom Ministerium, das den Hub betreibt und seine Bilanz verkündet — der Abschlussbericht, der sie prüfbar machen würde, „soll zeitnah veröffentlicht werden", liegt also noch nicht vor. Bis dahin sind es die Zahlen des Auftraggebers, nicht die eines unabhängigen Prüfers. Zweitens sind 20 aus rund 600 Bewerbungen ein bestmöglicher Ausschnitt, kein Querschnitt: motivierte Kommunen, motivierte Start-ups, ausgewählte Fälle. Und „70 Prozent zum Stichtag im Einsatz" misst den Start, nicht den Dauerbetrieb. Das entwertet das Ergebnis nicht — es verbietet nur, aus einem gelungenen Pilotausschnitt schon die gelungene Fläche zu lesen.
Der eigentliche Einwand aber betrifft nicht die Zahlen, sondern den Schluss, den der Bund daraus zieht.
Der falsche Schluss beginnt beim Katalog
Was die Piloten getragen hat, war Nähe: ein Start-up, das für ein bestimmtes Amt eine bestimmte Sache gebaut hat, an echten Daten, in vier Wochen. Das „Digitale Kaufhaus", das der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Jarzombek ankündigt, kehrt diese Logik um. Als „Dynamisches Beschaffungssystem" soll es Kommunen erlauben, „standardisierte und sichere KI-Produkte" einzukaufen. Nicht mehr das Amt beschreibt sein Problem — es wählt aus einem Regal.
Standardisierung ist an einer Stelle richtig und an einer anderen riskant. Auf der Infrastruktur-Ebene ist sie genau das Richtige, und die Pressemitteilung nennt sie auch: Nachnutzung der souveränen KI-Cloud, gemeinsame Komponenten des Deutschland-Stacks. Eine geteilte, geprüfte Basis, auf der nicht jede der über 10.000 Kommunen ihre eigene Sicherheit neu erfindet — das spart genau die Arbeit, die niemand einzeln leisten kann. Auf der Produkt-Ebene dagegen entscheidet ein Katalog mit, was eine Kommune überhaupt wollen darf, und schiebt sie zu den wenigen Anbietern, die katalogfähig sind. Das ist der Punkt, an dem in der Wirtschaft der Lock-in beginnt. Im Mittelstand sehe ich täglich, wie Standard-Werkzeuge an der konkreten Wirklichkeit vorbeigebaut sind — nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie für alle gebaut wurden und deshalb für niemanden ganz.
Das stärkste Gegenargument — und warum es nicht reicht
Man kann mir mit Recht entgegenhalten: Ohne zentrale Beschaffung bleibt der Hub ein hübscher Pilot, der nie in die Fläche kommt. Das Vergaberecht ist kein Popanz. Eine einzelne Kommune kann nicht für jedes KI-Werkzeug ein eigenes Verfahren stemmen, und an genau dieser Hürde sterben gute Prototypen, lange bevor sie einen zweiten Standort erreichen. Jarzombek verkauft das „Kaufhaus" als vergaberechtskonform und schnell — das adressiert ein echtes Leiden, keine Erfindung. Wer das wegwischt, hat nie eine Ausschreibung von innen gesehen.
Nur: Den besseren Hebel hat der Bund bereits in der Hand und nennt ihn selbst. Neben dem „Kaufhaus" wurde eine Handreichung erstellt, die zeigt, wie Kommunen unterhalb der Schwellenwerte kurzfristig und direkt beschaffen können. Das ist der dezentrale Weg, der die Nähe erhält: Die Kommune bleibt Auftraggeberin ihres eigenen Problems. Ein dynamisches Beschaffungssystem kann das ergänzen — solange es ein offener Rahmen bleibt, in den viele hineinliefern, und kein kuratiertes Regal mit drei Marken. Die Grenze verläuft zwischen „Beschaffung erleichtern" und „Auswahl vorwegnehmen". Anfang 2027 soll das System stehen; bis dahin entscheidet sich, auf welcher Seite dieser Grenze es landet.
Ein Katalog, aus dem man Souveränität kauft, ist keine mehr.
Das Pilotergebnis zeigt, dass die Verwaltung KI kann, wenn sie nah an der eigenen Arbeit bleibt. Ob das „Digitale Kaufhaus" diese Nähe in die Fläche trägt oder wegräumt, ist die Frage, die man 2027 stellen sollte — und die der noch ausstehende Abschlussbericht ehrlicher beantworten könnte als eine Pressemitteilung, die schon den Erfolg der Skalierung feiert, bevor die Skalierung begonnen hat.
Der Abschlussbericht des Agentic AI Hub war zum Zeitpunkt dieses Textes nicht veröffentlicht.
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Quellen
BMDS, Pressemitteilung 32/2026 vom 15. Juni 2026, „Agentic AI Hub: Pilotierung erfolgreich abgeschlossen"

