Prechts unbequeme Frage: Was macht KI eigentlich mit uns?
Richard David Precht kritisiert im Podcast „Lanz & Precht", dass die deutsche KI-Debatte rein ökonomisch geführt wird – seine kulturellen und erkenntnistheoretischen Einwände verdienen mehr Aufmerksamkeit als die Standortfrage.
Es gibt einen Satz, den man seit Jahren in jeder Sonntagsrede hört: „Im Mittelpunkt muss der Mensch stehen." Niemand ist dagegen. Genau das ist das Problem. Richard David Precht hat diesen Satz in der jüngsten Folge des Podcasts „Lanz & Precht" auseinandergenommen – und dabei etwas freigelegt, das in der deutschen KI-Debatte fast völlig fehlt. Meine These: Wir führen die falsche Diskussion. Nicht, weil die ökonomische Frage unwichtig wäre, sondern weil sie die einzige ist, die wir stellen.
Wir reden über Rendite, nicht über Gesellschaft
Deutschland diskutiert Künstliche Intelligenz als Standortfrage. Rechenzentren, Wertschöpfungsketten, Anschluss halten. Das ist nicht falsch – aber es ist eine Perspektive von mehreren. Precht argumentiert, dass wir über einen der größten gesellschaftlichen Umbrüche seit der Industrialisierung sprechen und ihn behandeln wie ein Infrastrukturprojekt.
Sein Beispiel bringt es auf den Punkt: „Autonomes Fahren". Der Begriff verspricht Autonomie, tatsächlich nimmt er sie dem Menschen weg. Bisher fuhren Menschen autonom. Künftig werden sie gefahren. Wer wirklich vom Menschen aus denken würde, hätte diese Technologie anders benannt – und vermutlich anders gebaut.
Das ist Prechts Stärke: einen scheinbar harmlosen Begriff nehmen, ihn umdrehen, und plötzlich sieht man, welches Denken darin steckt.
Diesmal trifft es die Mitte
Der Verweis auf die Maschinenstürmer ist naheliegend, und Precht macht ihn – aber nicht als Beruhigung. Langfristig war die Industrialisierung eine Segensgeschichte. Für die Weber um 1820 war sie es nicht. Der historische Trost hilft dem Betroffenen nie.
Neu ist, wen es diesmal trifft. Nicht die Handarbeit, sondern die geistige Routinearbeit. Nicht die untere Schicht, sondern die Mitte: Verwaltungsangestellte, Berufseinsteiger in Kanzleien, durchschnittlich qualifizierte Informatiker. Das bürgerliche Aufstiegsversprechen – Fleiß, Bildung, Stufe für Stufe nach oben – braucht eine Mitte, durch die man aufsteigen kann. Wenn genau diese Mitte dünner wird, wird aus der Zwiebel eine Sanduhr.
Precht nennt das Refeudalisierung. Ein starkes Wort, aber die Analogie sitzt: die Datenökonomie als Monopolwirtschaft, in der jeder Konzern seinen eigenen Claim abgesteckt hat – und eine Schicht von Menschen, die man saisonal, punktuell oder gar nicht mehr braucht.
Das eigentliche Thema: Wissen ohne Erfahrung
Der interessanteste Teil des Gesprächs ist nicht der ökonomische. Es ist der kulturelle.
Precht beschreibt einen Zustand, den man an sich selbst überprüfen kann: Wir vertrauen dem, was die Maschine sagt, mehr als dem, was Menschen sagen. Automation Bias – die Neigung, maschinellen Aussagen höhere Autorität zuzuschreiben als menschlichen. Menschen irren, haben Interessen, sehen einseitig. Die Maschine hat Millionen Quellen gesichtet. Also glauben wir ihr.
Nur: Wir bekommen dabei Wissen ohne Erfahrung. Früher musste man Wege gehen, um etwas herauszufinden. Heute genügt ein Klick. Precht zieht daraus eine These, die mich seit Tagen beschäftigt: Der Moralverbrauch unserer Gegenwart – dieses schnelle, radikale, kompromisslose Urteilen über alles – hänge damit zusammen, dass Menschen ihre Überzeugungen nicht mehr aus Erfahrung gewinnen, sondern aus abrufbaren Informationen. Es ist leicht, eine harte moralische Meinung zu haben, wenn man selbst nie in der Situation war.
Ob das stimmt, ist offen. Aber es erklärt mehr als vieles, was man sonst zur Erregungskultur liest.
Der Kausalitätsbruch
Noch einen Schritt weiter geht Prechts erkenntnistheoretischer Einwand. Menschliches Wissen beruht auf Begründungsketten. Man kann fragen: Warum? Und dann noch einmal: Warum? Genau das hat Philosophie und Naturwissenschaft möglich gemacht.
Bei einem Sprachmodell endet diese Kette. Warum es so und nicht anders geantwortet hat, ist das Resultat unzähliger statistischer Korrelationen – kein kausaler Begründungsweg. Wir gewöhnen uns an ein Wissen, dessen Gründe wir nicht angeben können, dem wir aber mehr vertrauen als menschlichem Wissen.
Das ist keine Technikkritik. Das ist eine fundamentale Beobachtung – und sie ist in der Debatte praktisch nicht präsent.
Die Gewöhnung ist das Problem, nicht die Empörung
Hier kommt das stärkste Gegenargument, und es stammt aus dem Gespräch selbst. Markus Lanz' Sohn glaubt, Menschen würden KI-generierte Texte ablehnen: zu glatt, zu normiert, zu langweilig. Immer dieselben Gegensatzpaare, immer derselbe Rhythmus. Wenn das stimmt, korrigiert sich die kulturelle Verarmung von selbst – der Markt für Originalität bleibt bestehen, weil Menschen Originalität wollen.
Precht hat das früher auch geglaubt. Heute nicht mehr, und ich folge ihm darin. Der Mensch ist anpassungsfähig. Wenn Studierende Hausarbeiten mit KI schreiben dürfen, lernen sie nicht mehr, wie man argumentiert. Wenn sie das nicht lernen, können sie die Abschlussarbeit nicht schreiben. Also wird auch die irgendwann von der KI kommen. Der Prozess ist schleichend – und genau deshalb funktioniert er. Man wehrt sich nicht gegen etwas, das man nicht bemerkt.
Verloren geht dabei nicht die Oper. Zauberflöte und Figaro wird es in fünfzig Jahren noch geben. Verloren geht das, was Precht mit Kultur meint: das zwecklose Versenken in eine Sache. Tausend Seiten lesen ist Denken mit fremdem Gehirn – und hinterlässt andere Spuren als eine zweiseitige Zusammenfassung. Aber wer wird künftige Generationen dazu bringen, tausend Seiten zu lesen, wenn die Essenz auf zwei Seiten verfügbar ist?
Der düstere Teil – und der Widerspruch
Über Kohei Saito, Alex Karp und Peter Thiel landet das Gespräch bei der „dunklen Aufklärung": Fortschritt ohne positives Menschenbild, Mangelwirtschaft, Verteilungskämpfe, Kontrolltechnologie als Antwort auf soziale Instabilität. Precht seziert das treffend als Denken eines Geheimdienstchefs – der nur Übles kommen sieht und sich zugleich auf die Technologie freut, mit der man das Üble in Schach hält.
Hier ist Vorsicht geboten. Die Podcast-Aussagen zu Chinas Fünfjahresplan und zum Ende des Social-Credit-Systems sind Prechts Darstellung, keine belegte Faktenlage; wer darauf aufbaut, sollte die Quellen selbst prüfen. Der Kern seiner Sorge bleibt davon unberührt: dass ein autoritäres System den sozialen Umbau schneller organisieren könnte als eine zerstrittene Demokratie.
Am Ende fragt Lanz das Naheliegende
Wenn wir das alles sehen – können wir uns nicht anders entscheiden?
Prechts Antwort ist präzise und tröstlich zugleich. Die Menschheit könne gar nichts entscheiden, sie sei ein Kollektivsingular ohne Briefkasten. Aber Menschen entscheiden. Und solange Menschen entscheiden, gibt es keine naturgesetzliche Vorherbestimmung des Weltenlaufs.
Genau da müsste die Debatte in Deutschland ansetzen. Nicht bei der Frage, wie viele Rechenzentren wir bauen. Sondern bei der Frage, welche Gesellschaft wir mit ihnen bauen wollen.
Man muss Precht nicht in allem folgen. Aber seine Stärke ist, dass er eine Frage nie nur von einer Seite anfasst – und genau das fehlt der deutschen KI-Debatte am meisten.
„Digitalisierung first, Bedenken second" war ein böser Satz. Und, wie Precht anmerkt, leider ein zutreffender: Er beschreibt exakt, wie die Sache weltweit vorangetrieben wird.
Alle Aussagen von Richard David Precht und Markus Lanz sind dem Gesprächsverlauf entnommen; Wertungen darüber hinaus sind meine eigenen.
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