Photoshop-Nachbau in zwei Wochen: Was das ArtCraft-Projekt über den Wert von Software verrät

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Zwei Entwickler haben mit Claude Opus 5.5 innerhalb von gut zwei Wochen Open-Source-Nachbauten von Photoshop, Premiere, Lightroom und weiteren Programmen veröffentlicht – was das für Softwarehersteller und für kleine Unternehmen bedeutet.

Der Entwickler Brandon Thomas hat seit dem 30. September 2026 unter dem Namen ArtCraft eine ganze Reihe quelloffener Programme veröffentlicht, die Adobe- und Microsoft-Software nachbilden: Photocraft (Photoshop), Filmcraft (Premiere), Lightcraft (Lightroom), Effectcraft (After Effects), Vectorcraft (Illustrator), Designcraft (InDesign), Pdfcraft (Acrobat) sowie Wordcraft, Sheetcraft und Deckcraft für Word, Excel und PowerPoint. Geschrieben sind sie in der Programmiersprache Rust. Den Großteil des Codes hat das Sprachmodell Claude Opus 5.5 von Anthropic erzeugt. Das Photocraft-Repository auf GitHub hatte am 15. Oktober rund 58.600 Sterne.

Was mit KI inzwischen machbar ist

Wie viel Arbeit dahintersteckt, zeigt die öffentliche Versionsgeschichte. thoughtflash hat die Commits (einzelne gespeicherte Änderungen am Code) aller Craft-Repositories ausgewertet. Es sind rund 18.300 in gut zwei Wochen. Den Kern stellen zwei Personen: Thomas selbst mit etwa 6.100 Commits und ein zweiter Entwickler mit etwa 2.900. Mindestens 52 Prozent aller Commits tragen den Vermerk, dass ein KI-Modell beteiligt war, in rund 8.200 Fällen Claude Opus 5.5. Der Wert ist eine Untergrenze, denn der Vermerk ist freiwillig. Der zweite Commit im Photocraft-Repository trägt den Titel „one-shot“ und entstand drei Stunden nach dem Anlegen des Projekts.

Der Verlauf zeigt auch, wer die Arbeit getragen hat. In der ersten Woche stammten 92 Prozent der Commits von den beiden Kernentwicklern. Erst nach den ersten Presseberichten am 7. Oktober kamen Beiträge von außen in größerer Zahl hinzu, und mit ihnen sank der Anteil der Commits mit KI-Vermerk.

Thomas selbst sagt, er habe Photoshop „in einem Anlauf“ erzeugt, „das ganze Ding“. Das ist eine Selbstauskunft und so zu lesen. Erste Testberichte beschreiben träge Bedienelemente, defekte Texteingabe und Tastenkürzel ohne Funktion. Thomas spricht von einer Alpha-Version und erwartet 99 Prozent Funktionsgleichheit mit den Originalen „in Monaten, nicht Jahren“. Belegt ist das nicht. Belegt ist, dass ein lauffähiges Grundgerüst für zehn Programmkategorien, für die Adobe und Microsoft Jahrzehnte gebraucht haben, in zwei Wochen öffentlich entstanden ist.

Unklar ist, wie ernst der Begriff „Clean-Room“ zu nehmen ist. Er bedeutet, dass ohne Einsicht in fremden Code nachgebaut wurde. Ob ein Modell, das mit großen Teilen des öffentlichen Internets trainiert wurde, diese Bedingung im rechtlichen Sinn erfüllt, ist bislang nicht geklärt.

Schlecht für Adobe – aber nicht morgen

Adobe verdient sein Geld mit Abonnements. Die Preise halten, weil es kaum Alternativen gibt und ein Wechsel teuer ist: Dateiformate, eingeübte Arbeitsabläufe, Schulungen, Plugins, Bilddatenbanken. Thomas nennt als Anlass für sein Projekt ausdrücklich Adobes Gebühren bei vorzeitiger Kündigung. Wegen genau dieser Praxis hat die US-Handelsbehörde FTC Adobe im Juni 2024 verklagt.

Kurzfristig ist Adobes Geschäft durch eine Alpha-Software nicht in Gefahr. Profis zahlen nicht für Funktionslisten, sondern für Verlässlichkeit, Support und ein Ökosystem, in dem Agentur und Druckerei dieselben Dateien öffnen. Langfristig verschiebt sich aber die Grundlage. Wenn der Nachbau eines Funktionsumfangs nur noch Wochen und Rechenzeit kostet, schützt der Funktionsumfang allein kein Preismodell mehr.

Härter trifft das vermutlich nicht Adobe, sondern mittelgroße Softwareanbieter. Viele von ihnen leben davon, dass ihr Produkt teuer zu entwickeln war, und haben weder Adobes Marke noch dessen Ökosystem.

Gut für kleine Unternehmen, die sich das bisher nicht leisten konnten

Für ein Unternehmen mit fünf Arbeitsplätzen, das Creative-Cloud-Lizenzen vor allem für Bildzuschnitt, Flyer und PDF-Bearbeitung bezahlt, entsteht eine Alternative ohne laufende Lizenzkosten. Die Lizenzen der Craft-Programme (Apache 2.0 bzw. MIT) erlauben auch die gewerbliche Nutzung und Anpassung.

Wichtiger als die einzelnen Programme ist die Methode. Dieselbe Arbeitsweise, die Photoshop in Grundzügen nachbaut, baut auch das interne Werkzeug, für das bisher nie Budget da war: die Auftragsübersicht, die genau zum eigenen Betrieb passt, oder den Konverter für das Dateiformat des wichtigsten Kunden. Individualsoftware war für kleine Betriebe bisher eine Frage des Geldes. Sie wird zu einer Frage der Sorgfalt.

Die Kehrseite zeigt das Projekt gleich mit. Hinter den zehn Programmen stehen im Kern zwei Personen. Seit dem Start haben zwar mehrere Hundert Externe Beiträge geschickt, die meisten aber nur einen oder wenige. Wer ein solches Werkzeug produktiv einsetzt, muss die Frage beantworten, wer es in zwei Jahren noch pflegt, Sicherheitslücken schließt und Fehler behebt. Das gilt für Open-Source-Nachbauten genauso wie für selbst gebaute Software, deren Code zwar schnell entsteht, aber von jemandem geprüft werden muss, der ihn versteht.

Nachbauen ist billig geworden. Pflegen, absichern und verantworten ist es nicht.

Betrifft Sie das, und wann?

Für den produktiven Einsatz in Ihrem Betrieb sind die Craft-Programme heute nicht geeignet. Sie sind Alpha-Software und stehen auf zwei Schultern. Es lohnt sich, die Entwicklung bis ins Frühjahr 2027 zu beobachten. Ein Test auf einem Rechner ohne kritische Daten kostet nichts außer Zeit.

Unmittelbar betrifft Sie etwas anderes. Die Annahme, dass maßgeschneiderte Software für kleine Unternehmen unerschwinglich ist, gilt seit diesem Herbst nicht mehr. Wenn Sie das nächste Mal eine Lizenz verlängern, die Sie zu 10 Prozent nutzen, oder auf ein Werkzeug verzichten, weil es keins von der Stange gibt, gehört eine dritte Option auf den Tisch: selbst bauen lassen, mit KI, aber mit einem klaren Plan für Wartung und Verantwortung.


In eigener Sache: Die ArtCraft-Programme wurden überwiegend mit Claude von Anthropic geschrieben. In der Redaktion von thoughtflash kommt Claude ebenfalls bei Recherche und Textarbeit zum Einsatz. Die Commit-Auswertung ist eine eigene Analyse der öffentlichen GitHub-Historie aller Branches mit Stand 15. Oktober 2026. Aktualisiert am 15. Oktober 2026: Diagramm ergänzt; die Gesamtzahl der Commits wurde von rund 18.500 auf rund 18.300 korrigiert, weil die erste Zählung ein Repository außerhalb der Craft-Programme enthielt.


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Quellen

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